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Interview mit Dr. Ulrich Tappe über die Vielfalt und Dynamik der Gastroenterologie

24. Juli 2026
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Beim 26. Gesprächsforum Gastroentrologische Praxis im Rahmen des Falk Kolloquiums in Köln sprachen wir mit Dr. Ulrich Tappe, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Vorsitzender des Berufsverbandes niedergelassener Gastroenterologen (bng), über Weiterentwicklungen in der Gastroenterologie und Hepatologie. 

Herr Dr. Tappe, im Vorwort zur Veranstaltung heißt es „Das Programm in diesem Jahr spiegelt die Vielfalt und Dynamik unseres Fachgebietes wider.“ Wo sehen Sie in der Gastroenterologie aktuell die größte Dynamik? 

Dr. Ulrich Tappe: Die Dynamik in der Gastroenterologie ist aktuell beeindruckend, in vielen Bereichen gibt es Weiterentwicklungen. Mittlerweile können wir beispielsweise Lebererkrankungen effizienter differenzieren, wir verstehen die Thematik Fettleber besser. Wir sehen einen Durchbruch bei der Hepatitis-C-Therapie, die aus einem schlecht behandelbaren Konzept zu einer vollständigen Heilung geführt hat. Wir diskutieren heute die Hepatitis B als absehbar heilbar. Aktuell verfügen wir über Therapieoptionen, die eine mindestens partielle Heilung – also anhaltende Virusunterdrückung mit niedriger oder nicht nachweisbarer HBV-DNA und HBV-Oberflächenantigen < 100 IU/ml – ermöglichen mit prognostisch günstigen Effekten. Dann sehen wir immer mehr den Zusammenhang zwischen chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Lebererkrankungen, z. B. bei der primär sklerosierenden Cholangitis (PSC), einer unheilbaren chronischen Erkrankung, für die es bisher keine zugelassene medikamentöse Therapieoption gibt. Aktuelle Studien für die PSC sind jedoch vielversprechend und geben Grund zur Hoffnung auf künftige medikamentöse Therapieansätze. Solche und andere Entwicklungen wollen wir niedergelassene Gastroenterolog*innen uns im Rahmen des bng-Forums erschließen, damit wir wissenschaftlich am Ball bleiben.

Erkrankungen der Leber werden oft erst in späten Stadien erkannt. Was müsste man tun, um insbesondere seltenen, chronischen Lebererkrankungen frühzeitig auf die Spur zu kommen?

Dr. Ulrich Tappe: Der erste Schritt ist aus meiner Sicht, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es diese seltenen Lebererkrankungen überhaupt gibt und wie sie diagnostiziert werden können. Aber die Patient*innen sind ja meist zuerst in der hausärztlichen Praxis und dort gibt es die Vorsorgeuntersuchung Check-up 35. Dem sollte man mehr Gewicht geben und auch Leberwerte mit aufnehmen, um daraus bei Bedarf gezielt weitere Diagnostik in der fachärztlichen Praxis zu veranlassen. Dieses hätte bei einem kommenden Primärarztsystem noch eine besondere Relevanz. So könnten Lebererkrankungen früher diagnostiziert werden und die Patient*innen hätten einen schnelleren Zugang zu neuen Therapieoptionen. Viele Gastroenterolog*innen sind bereit, sich um hepatologische Krankheitsbilder zu kümmern und haben eine Sprechstunde dazu. Gerade dort, wo wir Therapieoptionen haben oder neue Therapien absehbar verfügbar sind, müssen wir eine effiziente Differenzialdiagnostik durchführen, falls notwendig auch genetische Untersuchungen veranlassen, um den Betroffenen diese Optionen auch zugutekommen zu lassen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzt*innen bei proktologischen Erkrankungen? 

Dr. Ulrich Tappe: Eigentlich sollte die Proktologie zunächst eine hausärztliche Domäne sein, weil vieles hier eine Blick- und Tastdiagnose ist. Eine schöne Übersicht zur Vielfalt möglicher Blickdiagnosen in der Proktologie hatten wir in der Session am Samstag. In der Tat geht der Weg aber oft sehr schnell weiter in die proktologische Praxis, die dann bei Bedarf mit der chirurgischen Koloproktologie zusammenarbeitet. Grundsätzlich ist die Proktologie als Teilgebiet der Gastroenterologie zu sehen, in die alle nicht-chirurgischen Tätigkeiten fallen. 

In der JUGA-Sitzung wurde auch die digitale Lehre thematisiert. Worum geht es hierbei konkret? Welche digitalen Entwicklungen bringen aus Ihrer Sicht die Gastroenterologie voran und wo sehen Sie Grenzen?

Dr. Ulrich Tappe: Den klassischen Frontalvortrag im Hörsaal verlassen wir zunehmend. Wir nutzen Videokonferenzen, Fallvorstellungen mit interaktiven Diskussionen, Podcasts und webbasierte Angebote. Das machen mittlerweile auch Ärztekammern und Pharmaunternehmen. 

Im Vortrag dazu wurde gut dargestellt, dass wir verschiedene Ebenen der Kompetenzvermittlung benötigen. Motorische Fertigkeiten, wie z. B. die Endoskopführung, können nicht digital vermittelt werden. Bild- und Befundinterpretation lassen sich sowohl digital als auch live gut vermitteln. Medizinisches Wissen, wie Anatomie, Physiologie, Leitlinien oder Geräteverständnis, können optimal via Webinar, On-Demand Videos oder E-Learning erklärt werden. 

Darüber hinaus haben uns KI oder entsprechende digitale Unterstützungssysteme vorangebracht. Wir nutzen zum Beispiel KI bei der Polypendetektion als „Computer-aided“ Diagnose. Zunehmend denken wir auch darüber nach, durch digitale Zusammenfassung des Arzt-Patientengesprächs die Dokumentation zu optimieren. Digitale Tools können Ernährungspläne erstellen sowie Infusions- und Medikationspläne übersichtlich grafisch darstellen. Diese Tools werden bereits vielfach in der niedergelassenen Praxis eingesetzt.