Symposium 235 in Madrid: Therapeutic Update in GI Disease
Aktuelle diagnostische und therapeutische Strategien bei Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts
Teilnehmer*innen aus ganz Europa waren eingeladen, vom 3. bis 4. November 2023 in Madrid beim Symposium 235 der Falk Foundation e. V. ihr Wissen über aktuelle Therapien bei Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts aufzufrischen. Die Referent*innen spannten einen Bogen von der eosinophilen Ösophagitis (EoE) über die biliäre Pankreatitis bis hin zur künstlichen Intelligenz (KI) als diagnostisches Instrument in der Gastroenterologie.
Die EoE ist eine relativ junge Erkrankung, sie wurde erstmals 1989 beschrieben. Bislang wurde angenommen, sie sei selten. Doch wussten Prof. Alfredo J. Lucendo, Tomelloso, und Prof. Dr. Javier Molina Infante, Cáceres, anderes zu berichten: Die Häufigkeit der EoE ist regional sehr unterschiedlich und die Inzidenz in manchen Regionen gar nicht selten. Sie liegt in Utah (USA) bei 118 Menschen pro 100.000 Einwohnern, in Spanien sind je nach Region 80 bis über 100 Personen pro 100.000 Einwohnern betroffen. Da die Erkrankung mild verlaufen kann, könnte dies ein Grund dafür sein, dass sie oft übersehen wird und unterdiagnostiziert ist. Die EoE ist chronisch, aber – von seltenen Komplikationen abgesehen – nicht lebensbedrohlich. Allerdings kann sie unbehandelt progredient verlaufen und schwere Fibrosen und Strikturen des Ösophagus verursachen, die eine Aufnahme fester Speisen deutlich erschweren. Die Betroffenen entwickeln häufig Strategien, um die Beschwerden, die die entzündliche Erkrankung verursacht, zu umgehen. Auch dies kann dazu beitragen, die EoE zu übersehen.
EoE-Therapieziel: Dauerhafte Remission
Zur medikamentösen Therapie der EoE stehen Protonenpumpeninhibitoren (PPI), topische Kortikosteroide und neuerdings auch ein Biologikum zur Verfügung. PPI sind eine kostengünstige Therapiealternative, allerdings nicht zugelassen. Ihre Wirksamkeit variiert je nach Studie zwischen 30 und 50%. Die Induktionstherapie sollte über 12 Wochen gegeben werden. Betroffene, die damit in Remission kommen, können als Erhaltungstherapie die Dosis halbieren.
Die orodispersible Budesonid-Schmelztablette Jorveza® ist die erste und derzeit einzige zugelassene Kortikosteroidtherapie zur topischen Induktions- und Erhaltungstherapie bei Erwachsenen mit EoE. Der mukoadhäsive Speichel, in dem der Wirkstoff gelöst ist, führt zu einer langen Exposition des Budesonids auf der ösophagealen Mukosa. Wie Untersuchungen zeigen, konnten nach 6 Wochen Induktionstherapie 93% der Studienteilnehmer*innen, die zweimal täglich eine Dosierung von 1 mg orodispersibles Budesonid erhielten, eine histologische Remission über die gesamte Speiseröhre hinweg erreichen [1]. Nach einem Jahr Therapie mit der Budesonid-Schmelztablette (gleiche oder halbierte Dosis) konnten 75% der Betroffenen in klinisch-histologischer Remission gehalten werden [2]. In einer 96-wöchigen offenen Untersuchungen wurden sogar 80% der Betroffenen als in klinischer, histologischer und endoskopischer Remission befindlich identifiziert [3].
Biologika sind nun ebenfalls eine Therapieoption zur Behandlung der EoE. Die Kosten dafür sind allerdings hoch. Die Referenten sehen eine Indikation für Biologika bei Patient*innen, bei denen andere Therapien nicht greifen bzw. wenn weitere Erkrankungen wie Asthma, atopische Dermatitis oder Nasenpolypen vorliegen, die gleichzeitig damit behandelt werden sollen.
Alternativ zur medikamentösen Therapie der EoE können Betroffene auch von einer Eliminationsdiät profitieren. In der Regel ist das Milcheiweiß unverträglich, ebenso bereiten Weizen/Gluten und Eier den Betroffenen Probleme. Diese Lebensmittel zu eliminieren, ist jedoch schwierig. Eliminationsdiäten sind daher oft eine Herausforderung, dennoch gibt es das Prinzip der 2-4-6-Auslass-Diät: Im ersten Schritt soll auf zwei, dann auf vier, am Ende auf sechs Lebensmittel(gruppen) verzichtet werden. Allerdings empfahlen die beiden Referenten, die diätetische Intervention zu beenden, wenn vier Lebensmittelgruppen ausgelassen wurden, falls dies nicht zu einer Symptomverbesserung führt. Der Verzicht auf weitere Lebensmittelgruppen ist dann nicht vielversprechend.
Biliäre Pankreatitis: Selten ERCP nötig
Dass Gallensteine für eine Pankreatitis verantwortlich sein können, ist seit langem bekannt. Wie jedoch die Entzündungskaskade verläuft, das ist eine relativ neue Erkenntnis. Darüber und über die Diagnostik sprach Prof. Julia Mayerle, München. Für die biliäre Pankreatitis gäbe es keinen Biomarker im Blut. Eine Ultraschall-Untersuchung zum Nachweis von Gallensteinen ist aber in Zusammenhang mit Pankreatitis-Symptomen bereits sehr aussagekräftig. Mit Hilfe der Magnet-Resonanz-Cholangio-Pankreatikographie (MRCP) können endoskopische retrograde Cholangio-Pankreatikographien (ERCP) reduziert werden. Ein Problem stellen aber kleine Gallensteine dar. Diese könnten besser durch einen endoskopischen Ultraschall (EUS) dargestellt werden. Die Expertin empfahl, die ERCP nur bei gleichzeitig bestehender Cholangitis frühzeitig innerhalb von 24 Stunden nach stationärer Aufnahme der Betroffenen durchzuführen. Bei milder Pankreatitis sollte die Gallenblase zeitnah entfernt werden. Bei schweren Pankreatitiden ist die Cholezystektomie erst etwa acht Wochen nach der Klinikentlassung zu empfehlen.
Künstliche Intelligenz – pro und contra
Künstliche Intelligenz (KI) ist weder künstlich noch notwendigerweise intelligent, aber die KI kann komplexe menschliche Aufgaben und Interpretationen nachahmen und die Diagnostik und Therapie schneller, zielgerichteter, kostengünstiger und umweltfreundlicher machen. Im unteren Gastrointestinaltrakt kann die KI die Adenom-Detektionsrate (ADR) erhöhen, und zwar unabhängig von den Eigenschaften der Polypen und der Erfahrung der Endoskopiker, berichtete Prof. Cesare Hassan, Mailand. Durch die Computer-Assistierte Detektion (CADe) werden mehr Polypen entdeckt, was die Kosten der Behandlung erhöhen kann. Allerdings werden durch diese Form der Tumorprävention deutlich Kosten eingespart, ebenso durch die Computer-Assistierte-Charakterisierung (CADx), die eine optische Beurteilung erlaubt und weniger Polypektomien erfordert. Dr. Alanna Ebigbo, Augsburg, fokussierte in seinem Vortrag über KI im oberen Gastrointestinaltrakt u. a. auf die positive CO2-Bilanz der KI-unterstützten Untersuchung. Jede histologische Probe führt zu einem CO2-Verbrauch, der mit einem gefahrenen Kilometer eines Durchschnitts-PKW vergleichbar ist. Die KI kann nicht nur Kosten sparen, sondern ist auch umweltverträglicher. Über KI bei Reizdarm sprach Prof. Marietta Iacucci, Cork. Diese neue Technologie identifiziert potenzielle Risiken und gibt personalisierte Empfehlungen für die Therapie. Allerdings hat KI auch ethische und rechtliche
Konsequenzen, die noch nicht hinreichend geklärt sind, erläuterte Dr. Omer Ahmad, London. So ist beispielsweise nicht geklärt, wer für falsche Diagnosen zur Rechenschaft zu ziehen ist, wenn diese allein durch KI erfolgten, was zukünftig häufiger der Fall sein wird. Was passiert mit den Daten der Betroffenen und dem Recht auf deren Löschung, wenn die KI die Daten zur Anpassung ihres Algorithmus bereits verarbeitet hat? Viele ungelöste Fragen die zügig angegangen werden müssen.
Literatur:
- Lucendo AJ, et al. Gastroenterology 2019;157(1):74–86. doi: 10.1053/j.gastro.2019.03.025
- Straumann A, et al. Gastroenterology 2020;159(5):1672–1685. doi: 10.1053/j.gastro.2020.07.039
- Biedermann L, et al. UEG Week 2022: OP077; abrufbar unter: www.nxtbook.com/ueg/UEG/ueg-journal-abstracts-2022/index.php, letzter Abruf, 14.11.2023
Quelle:
Symposium 235 „Therapeutic Update in GI-Disease”, 3. und 4. November 2023 in Madrid,
Veranstalter: Falk Foundation e.V.