Pressemeldung

Ursachenbezogene Behandlung ist erfolgversprechend

29. April 2024

Chronische Verstopfung und chronischer Durchfall

Wiesbaden. Es sind in der medizinischen Praxis alltägliche Beschwerden mit teils komplexer Ursache: chronische Obstipation und chronischer Durchfall. Die Hintergründe dieser Symptome aufzuklären, kann anspruchsvoll sein, so die einheitliche Meinung beim 18. Kolloquium
„Koloproktologie“ der Falk Foundation e.V. in Wiesbaden. Expertinnen und Experten gaben praktische Hinweise zur Diagnostik, Differenzialdiagnostik und Therapie. Manchmal sind es simple Lebensgewohnheiten, die geändert werden müssen, teils braucht es spezifische koloproktologische Untersuchungsmethoden, um den Gründen für schwere Obstipation oder Diarrhoe auf die Spur zu kommen und eine rational begründete Behandlung einzuleiten.

Etwa 15% der Bevölkerung in Deutschland leiden an Obstipationen [1], sagte PD Dr. Jutta Keller, Hamburg. Als chronisch werden Verstopfungen dann bezeichnet, wenn über mehr als drei Monate der Stuhl zu selten, zu hart oder zu mühsam zu entleeren ist – definitionsgemäß müssen die Beschwerden bereits seit mindestens einem halben Jahr bestehen.

Essenzielle Anamnese und spezifische Untersuchungen

Zum größten Teil handelt es sich um funktionelle Störungen der Darmpassage. Chronische Verstopfung kann aber auch ein Begleitphänomen chronischer Krankheiten wie Diabetes mellitus, Hypothyreose oder Morbus Parkinson sein. Manchmal bedingt auch der Wirkmechanismus bestimmter Medikamente die Obstipation – außer Opioidanalgetika sind dies vor allem Kalziumantagonisten, Diuretika und Antidepressiva [1]. Dies zu klären, ist für eine Therapieentscheidung essenziell, betonte Keller. Für die spezifische Diagnostik chronischer und schwerer Verstopfungen stehen auf Proktologie spezialisierten Gastroenterolog*innen zum Beispiel die anorektale Manometrie, die Defäkographie oder der Hinton-Test zur Verfügung.

Zu Beginn der Behandlung stehen stets Allgemeinmaßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Bewegung und diätetische Maßnahmen im Vordergrund. Es lohnt auch der Versuch, zusätzlich Ballaststoffe aufzunehmen [1], erklärte Prof. Christian Pehl, Vilsbiburg. Der Gastroenterologe bevorzugt dabei wasserlösliche Ballaststoffe. Dadurch lassen sich sowohl Obstipation als auch Diarrhoe regulieren. Hinzu kommt die gute Verträglichkeit, etwa im Vergleich zur Anwendung von Weizenkleie, die mit Blähungen und Bauchkrämpfen einhergehen kann. Helfen diese Maßnahmen nicht, stehen eine Reihe weiterer medikamentöser Optionen zur Verfügung, die sich auch danach richten, ob eher eine Darmentleerungsstörung oder eher eine Mobilitätsstörung des Darms vorliegt. Ein chirurgisches Vorgehen kann bei manchen Patient*innen ebenfalls erforderlich sein [1].

Chronischen Durchfall fachärztlich abklären lassen

Auch bei chronischen Durchfällen ist die Ursachensuche essenziell, um hilfreiche Therapiemaßnahmen auswählen zu können, wie Prof. Felix Gundling, Bamberg, deutlich machte. Nach seinen Angaben leiden etwa 5% der deutschen Bevölkerung unter wochenlangen weichen bis flüssigen Durchfällen mit einer Frequenz von mehr als drei Mal pro Tag – im fortgeschrittenen Lebensalter ist etwa jeder Siebte betroffen. Die Ursachen können von der Reise-bedingten Darminfektion bis zum Reizdarm-Syndrom, von Laktase-Defizienz bis zum exzessiven Konsum künstlicher Süßstoffe, von Zöliakie bis medikamentös ausgelöster Diarrhoe reichen. Das müssen nicht immer Antibiotika sein: manche Menschen nehmen täglich Nahrungsergänzungsmittel ein, wie z.B. hohe Dosen Vitamin C oder Magnesium, wie Prof. Martin Storr, Starnberg, erklärte. Manchmal hilft es schon, diese Nahrungsergänzungsmittel einfach zu pausieren. Antibiotika müssen meist nur wenige Tage oder Wochen eingenommen werden, bis dahin reichen Allgemeinmaßnahmen wie Ballaststoffe oder auch die Anwendung von speziell dafür konzipierter Probiotika (AAD – Antibiotika-assoziierte Diarrhoe) aus.

Therapieoptionen bei mikroskopischer Kolitis

Ballaststoffe sind auch bei Reizdarm-Diarrhoe ein guter Therapieeinstieg [2], so Storrs Erfahrung. Bei Patient*innen mit mikroskopischer Kolitis, die zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zählt, kann mit topischen Kortikosteroiden therapiert werden [3],“ sagte er. Bei Vorliegen anderer Ursachen der chronischen Diarrhoe wie einer bakteriellen Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO – small intestinal bacterial overgrowth) oder bei Gallensäure- Malabsorption (chologene Diarrhoe) stehen Gastroenterolog*innen heute vielfältige Therapieoptionen zur Verfügung.


Referenzen:

  1. Andresen V. et al., Z Gastroenterol. 2022 Oct;60(10):1528-1572.
  2. Layer P. et al., Z Gastroenterol. 2021 Dec;59(12):1323-1415.
  3. Miehlke S. et al., United European Gastroenterol J. 2021 Feb 22;9(1):13–37.


Quelle: 
18. Kolloquium Koloproktologie „Rationale ärztliche Herangehensweise an Kardinalsymptome in der Koloproktologie“ im Rahmen des 130. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Wiesbaden, 12.04.2024, 
Veranstalter: Falk Foundation e.V.



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