Leber und Gallenwege

Hepatology. 2025;82(1):127-139

Viral antibody response predicts morbidity and mortality in alcohol-associated hepatitis

Hsu CL, Wang L, Maestri E, Jacob AR, Do WL, Mayo S, Bosques-Padilla F, Verna EC, Abraldes JG, Brown RS, Jr., Vargas V, Altamirano J, Caballería J, Shawcross DL, Louvet A, Lucey MR, Mathurin P, Garcia-Tsao G, Stärkel P, Bataller R, Wang XW, Schnabl B; AlcHepNet Investigators

Antivirale Antikörperantwort ist Prädiktor für Morbidität und Mortalität bei Alkoholassoziierter Hepatitis


Hintergrund und Ziele: Die Alkohol-assoziierte Hepatitis (AAH) ist auch bei Alkoholabstinenz mit sehr hoher Mortalität assoziiert: Bis zu 40% der Patient*innen versterben innerhalb von 6 Monaten nach Diagnosestellung. Patient*innen mit AAH sind besonders anfällig für Infektionen, und diese können zu Multiorgan-Dysfunktion führen und die Prognose verschlechtern.
Ansatz und Ergebnisse: Bei 36 gesunden Kontrollen, 48 Patient*innen mit Alkoholkonsumstörung und 224 Patient*innen mit AAH aus 2 multizentrischen Beobachtungsstudien wurden umfassende serologische Profile zurückliegender viraler und bakterieller Infektionen erstellt. Hierzu erfolgte ein systematisches Scanning auf virale und bakterielle Epitope mithilfe von VirScan, einer Technologie, die mittels Phagen-Display-Immunpräzipitation und Sequenzierung diejenigen Peptide nachweist, die von Antikörpern im Patientenserum erkannt werden. Dies soll eine umfassende Analyse antiviraler und antibakterieller Antikörper und die Identifikation von serologischen Biomarkern zur Outcome-Prognose bei den Patient*innen ermöglichen. Die serologischen Profile der 3 Populationen zeigten signifikante Unterschiede. Bei Patient*innen mit Alkoholkonsumstörung war die Anzahl der Antikörper-Epitope im Serum während Abstinenz höher als während aktiven Alkoholkonsums. Im Serum von Patient*innen mit AAH wurde eine verminderte Zahl und Diversität viraler und bakterieller Antikörper-Targets nachgewiesen, und zwar insbesondere bei Patient*innen mit höherem Child-Pugh-Score. Bei Patient*innen mit AAH war ein vermindertes antivirales – jedoch nicht antibakterielles – Antikörper-Repertoire im Serum mit Dekompensation und Mortalität assoziiert. Die virale Epitop-Signatur im Serum ermöglichte die Vorhersage der 90-Tage-Mortalität bei AAH.

Schlussfolgerungen: Alkoholabstinenz ist mit einer signifikanten Zunahme der antiviralen und antibakteriellen Antikörperantworten im Serum assoziiert. Ein vermindertes antivirales Antikörper-Repertoire im Serum ist bei Patient*innen mit Alkohol-assoziierter Hepatitis ein Prädiktor für eine Dekompensation der Lebererkrankung und für Mortalität.

B. Schnabl, Department of Medicine, University of California San Diego, La Jolla, CA, USA, e-mail: beschnabl@health.ucsd.edu

DOI:  10.1097/hep.0000000000001046

Expertenmeinung

Prof. Dr. Tobias Böttler
Leiter Gerok-Leberzentrum, Universitätsklinikum Freiburg, Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg

Verlust der antimikrobiellen Antikörperdiversität durch Alkoholabusus – reversibel, solange die Leber noch mitmacht

Fortgeschrittene Lebererkrankungen sind mit einer eingeschränkten Immunkompetenz und zahlreichen Infektionskomplikationen assoziiert. Die Arbeit von Hsu et al. macht deutlich, dass Alkoholabusus jedoch bereits vor der Entwicklung einer schweren Lebererkrankung das Immunrepertoire nachhaltig beeinträchtigt. Mithilfe einer immunologisch-serologischen Hochdurchsatzanalyse zeigen die Autor*innen, dass sowohl schädlicher Alkoholkonsum als auch die Alkohol-assoziierte Lebererkrankung mit einer verminderten Diversität pathogen-spezifischer Antikörperantworten einhergehen. Während Alkoholabstinenz bei Personen ohne Lebererkrankung eine deutliche Erholung der Antikörperdiversität bewirkte, blieb dieser Effekt bei fortgeschrittener Lebererkrankung aus. Besonders bemerkenswert ist, dass die Vielfalt antiviraler Antikörper ein unabhängiger Prädiktor für Mortalität und hepatische Dekompensation war, während sich ein entsprechender Zusammenhang für antibakterielle Antikörper nicht zeigte.
Die Studie verdeutlicht eindrucksvoll, dass Alkoholabusus und die daraus resultierende Lebererkrankung zwei additive und teilweise voneinander unabhängige Determinanten einer humoralen Immunschwäche darstellen. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Reversibilität der Immundysregulation von Bedeutung, die im Kontext einer fortgeschrittenen Lebererkrankung offenbar nicht mehr gegeben ist. Diese Beobachtung überrascht nicht, zeigt sich doch im Rahmen einer Zirrhose häufig ein systemisches Immundysregulationssyndrom („cirrhosis-associated immune dysfunction“, CAID), das unter anderem mit einer funktionellen Immunschwäche, erhöhter Infektanfälligkeit und einem reduzierten Ansprechen auf Schutzimpfungen einhergeht. Paradoxerweise finden sich bei fortgeschrittenen Lebererkrankungen häufig erhöhte Serumspiegel von Immunglobulinen (v. a. IgG und IgA), deren Antigenspezifität weitgehend unklar bleibt. Diskutiert werden einerseits eine unspezifische Immunaktivierung mit Reaktivierung von Antikörper-produzierenden Gedächtniszellen, andererseits eine durch portale Hypertension bedingte systemische Exposition gegenüber intestinalen Antigenen, die in der Peripherie de novo Immunantworten gegen irrelevante Zielstrukturen induzieren. Die Beobachtung, dass die antimikrobielle Antikörperdiversität mit zunehmender Lebererkrankung jedoch eher abnimmt, lässt sich besser in den zweiten Erklärungsansatz einordnen. Da in der vorliegenden Studie primär Patient*innen mit Alkohol-assoziierter Steatohepatitis untersucht wurden, bleibt allerdings unklar, inwieweit die Kohorte tatsächlich auch Fälle mit fortgeschrittener portaler Hypertension umfasst – ein Aspekt, der für die immunologische Interpretation von besonderem Interesse gewesen wäre.
Ein weiterer zentraler Befund der Arbeit ist die selektive Assoziation einer verminderten antiviralen, nicht jedoch antibakteriellen Antikörperdiversität mit Mortalität und hepatischer Dekompensation. Klinisch sind sowohl bakterielle als auch virale Infektionen bekannte Auslöser von Dekompensationsereignissen, doch werden virale Infektionen – etwa Herpesvirusreaktivierungen, Influenza, respiratorische Viren oder Hepatitis-E-Virus-Infektionen – bislang nur selten systematisch erfasst. Die vorliegenden Daten regen daher an, künftig stärker zwischen viralen und bakteriellen Dekompensationstriggern zu differenzieren – insbesondere im Hinblick auf Impfstrategien und mögliche antivirale Prophylaxen bei Hochrisikopatient*innen mit Alkohol-assoziierter Lebererkrankung.

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