Leber und Gallenwege
Gastroenterology. 2025;168(4):769-783.e12
A pangenotypic hepatitis E virus replication inhibitor with high potency in a rat infection model
Ein pangenotypischer Hepatitis-E-Virus-Replikationshemmer mit hoher Wirksamkeit in einem Ratten-Infektionsmodell
Hintergrund und Ziele: Beim Menschen stellt das Hepatitis-E-Virus (HEV) mit jährlich ~20 Millionen Infektionen, darunter 3,3 Millionen symptomatische Fälle, eine erhebliche Belastung für die öffentliche Gesundheit dar. Insbesondere für immungeschwächte HEV-infizierte Patient*innen und Schwangere gibt es keine geeigneten Therapieoptionen, was den Bedarf an stark wirksamen und sicheren antiviralen Medikamenten unterstreicht.
Methoden: HEV-subgenomische Replikonsysteme wurden verwendet, um eine kleine Bibliothek von vorab ausgewählten Nukleosidanaloga zu screenen, die ursprünglich in einem Programm zur Entwicklung von antiviralen Substanzen gegen das Hepatitis-C-Virus (HCV) entwickelt wurden. Die antivirale Aktivität der ausgewählten Substanz gegen HEV-Infektionen wurde in verschiedenen Zellkultursystemen untersucht, und deren Wirksamkeit wurde im HEV-Infektionsmodell der athymischen Nacktratte bewertet.
Ergebnisse: Die Substanz JNJ-9117 wirkt in verschiedenen Zelltypen sowie in primären menschlichen Hepatozyten pangenotypisch antiviral gegen HEV. Zwischen 3 entscheidenden Motiven in der katalytischen Domäne der HCV- und HEV-Polymerasen ist ein hoher Konservierungsgrad festzustellen. Dies deutet auf einen Wirkmechanismus hin, der mit dem des Moleküls gegen HCV identisch ist, wobei das 5’-Triphosphat von JNJ-9117 einen Kettenabbruch bei der viralen RNA-Synthese induziert. Das pharmakokinetische Profil und Sicherheitsprofil von JNJ-9117 ist bei Ratten vielversprechend und zeigt in einem Modell für chronische HEV-Infektionen eine ausgeprägte antivirale Wirkung, sowohl im prophylaktischen als auch im therapeutischen Setting. Die Kombination von JNJ-9117 mit Ribavirin (jeweils in einer absichtlich gewählten suboptimalen/inaktiven Dosis) war bei infizierten Ratten hoch wirksam und senkte die Virus-RNA-Last in Leber und Kot auf (nahezu) nicht nachweisbare Werte.
Schlussfolgerungen: Das Profil von JNJ-9117 ist vielversprechend für die Therapie von lebensbedrohlichen Hepatitis-E-Infektionen beim Menschen. Inzwischen wurden Phase-I-Studien mit gesunden Freiwilligen zu JNJ-9117 eingeleitet.
DOI: 10.1053/j.gastro.2024.10.043
Prof. Dr. Tobias Böttler
Prof. Dr. Tobias Böttler, Leiter Gerok-Leberzentrum, Universitätsklinikum Freiburg, Hugstetter Straße 55, 79106 Freiburg
Ein pangenotypisches Nukleosidanalogon als neuer Therapieansatz für die HEV-Infektion
Während Hepatitis-E-Virus(HEV)-Infektionen bei gesunden Menschen meist asymptomatisch verlaufen und spontan ausheilen, besteht bei immunsupprimierten Personen (Organtransplantatempfänger*innen oder Patient*innen mit hämatologischen Erkrankungen) die Gefahr einer chronischen Infektion. Grundlage der Viruspersistenz ist in diesen Fällen eine unzureichende Ausbildung der HEV-spezifischen Immunantwort. Klinisch ist die chronische HEV-Infektion durch ein schnelles Fortschreiten einer chronischen Lebererkrankung mit Entwicklung einer Leberfibrose und letztlich Leberzirrhose sowie entsprechenden Komplikationen gekennzeichnet. Bisher stützt sich die Therapie chronischer HEV-Infektionen auf zwei Säulen. 1. Die Reduktion der Immunsuppression mit dem Ziel, eine HEV-spezifische Immunität zu ermöglichen, die eine immunologisch-vermittelte Viruselimination vermittelt. Aus Sorge vor Abstoßungsreaktionen bei Reduktion der Immunsuppression wird diese Therapieoption jedoch oft nicht ausreichend ausgeschöpft. 2. Die Therapie mit Ribavirin, welches in mehreren Fallstudien erfolgreich eingesetzt wurde, aber nicht bei allen Personen auch zu einer Viruselimination führt. Neben einer hämolytischen Anämie besteht beim Einsatz von Ribavirin auch das Risiko der Entwicklung von Resistenzmutationen, die die Wirksamkeit weiter einschränken können. Die Entwicklung neuer und effektiver Behandlungsmöglichkeiten ist daher dringend erforderlich, um die chronische HEV-Infektion effektiver therapieren zu können.
Die vorliegende Arbeit von Zhang et al. schafft in diesem Bereich neue Hoffnung. JNJ-9117 ist ein Nukleosidanalogon, welches ursprünglich in einem Programm für antivirale Therapieansätze gegen Hepatitis C entwickelt wurde und nun in Zellkulturmodellen und primären humanen Hepatozyten eine pangenotypische antivirale Aktivität gegen HEV aufweist, die auf seiner Funktion als Kettenterminator während der viralen RNA-Synthese beruht. In präklinischen Modellen, insbesondere in einem Rattenmodell, reduzierten sich die HEV-Viruslasten signifikant bei der Anwendung von JNJ-9117. Bemerkenswerterweise zeigten Kombinationen von JNJ-9117 und Ribavirin synergistische Effekte, die selbst bei suboptimalen Dosierungen die Viruslast maximal supprimierten. Diese Synergie könnte nicht nur die Effizienz der Behandlung erhöhen, sondern auch die Entwicklung von Resistenzmutationen verhindern. Aktuell laufen bereits Phase-I-Studien, um die Sicherheit dieser Substanz bei Menschen zu überprüfen. Jenseits dieser konkreten, vielversprechenden Ergebnisse ist es in jedem Fall begrüßenswert, dass aktiv neue Substanzen für die Therapie der chronischen HEV-Infektion entwickelt und getestet werden, um die immer noch bestehenden Lücken in der Behandlung von HEV-Infektionen zu schließen.