Leber und Gallenwege

Lancet Gastroenterol Hepatol. 2025;10(4):295-305

Early antiviral treatment with tenofovir alafenamide to prevent serious clinical adverse events in adults with chronic hepatitis B and moderate or high viraemia (ATTENTION): Interim results from a randomised controlled trial

Lim YS, Yu ML, Choi J, Chen CY, Choi WM, Kang W, Kim GA, Kim HJ, Lee YB, Lee JH, Park NH, Kwon SY, Park SY, Kim JH, Choi GH, Jang ES, Chen CH, Hsu YC, Bair MJ, Cheng PN, Tung HD, Chang TS, Lo CC, Tseng KC, Yang SS, Peng CY, Han S

Frühzeitige antivirale Behandlung mit Tenofoviralafenamid zur Vorbeugung schwerwiegender klinischer unerwünschter Ereignisse bei Erwachsenen mit chronischer Hepatitis B und moderater oder hoher Virämie (ATTENTION): Zwischenergebnisse aus einer randomisierten kontrollierten Studie


Hintergrund: In den aktuellen Leitlinien für chronische Hepatitis B wird eine antivirale Therapie für Personen mit nicht-zirrhotischer chronischer Hepatitis B nur dann empfohlen, wenn diese eine ausgeprägte Leberfibrose oder erhöhte Alanin-Aminotransferase(ALT)-Werte aufweisen. Das Ziel dieser Arbeit war, die Wirksamkeit einer frühzeitigen antiviralen Therapie zur Vorbeugung schwerwiegender leberbezogener unerwünschter Ereignisse bei Personen mit nicht-zirrhotischer chronischer Hepatitis B und moderater oder hoher Virämie, aber normalen oder leicht erhöhten ALT-Werten zu bewerten.
Methoden: ATTENTION ist eine laufende randomisierte kontrollierte Studie, die in 22 Zentren in Südkorea und Taiwan durchgeführt wird. Erwachsene im Alter von 40–80 Jahren mit nicht-zirrhotischer chronischer Hepatitis B und Hepatitis-B-DNA-Virus-Konzentrationen im Serum zwischen 4 log10 IE/ml und 8 log10 IE/ml sowie ALT-Werten unter 70 E/l bei Männern und 50 E/l bei Frauen wurden rekrutiert und erhielten nach dem Zufallsprinzip (1:1) entweder Tenofoviralafenamid (TAF) oral (25 mg täglich) oder keine antivirale Behandlung (Beobachtung). Der primäre Endpunkt war eine Kombination folgender Parameter, analysiert in der Intention-to-Treat-Population: hepatozelluläres Karzinom, hepatische Dekompensation (z. B. Komplikationen mit portaler Hypertonie, darunter auch Aszites, gastro-ösophageale Varizen oder Child-Pugh-Score ≥ 7), Lebertransplantation oder Tod jeglicher Ursache. Die Sicherheitspopulation umfasste alle nach dem Zufallsprinzip zugewiesenen Teilnehmer*innen, die mindestens 1 Dosis der Studienmedikation erhielten. Der Zeitpunkt für diese Zwischenanalyse war vorab auf 4 Jahre nach Einschluss des/der ersten Teilnehmenden festgelegt.
Erkenntnisse: Zwischen dem 8. Februar 2019 und dem 17. Oktober 2023 (dem Stichtag für die erste Zwischenanalyse) wurden 798 Personen gescreent und 734 nach dem Zufallsprinzip zugeteilt (369 zur TAF-Gruppe und 365 zur Beobachtungsgruppe). In einem medianen Nachbeobachtungszeitraum von 17,7 Monaten (Interquartilenabstand [IQR]: 8,3–24,4) trat der primäre Endpunkt bei 11 Teilnehmer*innen ein: bei 2 in der TAF-Gruppe (2 hepatozelluläre Karzinome) und bei 9 in der Beobachtungsgruppe (7 hepatozelluläre Karzinome, 1 hepatische Dekompensation und 1 Todesfall); dies entspricht einer Inzidenzrate von 0,33 pro 100 Personenjahre in der TAF-Gruppe und 1,57 pro 100 Personenjahre in der Beobachtungsgruppe (Hazard-Ratio = 0,21 [97,5% Konfidenzintervall: 0,04–1,20]; p = 0,027). Der Unterschied zwischen den 2 Gruppen überschritt nicht die vorgegebenen, für einen vorzeitigen Studienabbruch erforderlichen Grenzen. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, mit Ausnahme der primären Endpunkte, wurden bei 23 Teilnehmer*innen (6%) in der TAF-Gruppe und bei 24 (7%) in der Beobachtungsgruppe berichtet.

Interpretation: Die Ergebnisse dieser Zwischenanalyse deuten darauf hin, dass eine frühzeitige Behandlung mit Tenofoviralafenamid das Risiko leberbezogener schwerwiegender unerwünschter Ereignisse bei Erwachsenen mit nicht-zirrhotischer chronischer Hepatitis B und moderater oder hoher Virämie, aber normaler oder leicht erhöhter Alanin-Aminotransferase (ALT) im Vergleich zur Beobachtungsgruppe senkt. Diese Erkenntnisse müssen zwar noch in geplanten zukünftigen Analysen bestätigt werden, jedoch deuten sie darauf hin, dass die bestehenden Leitlinien dahingehend erweitert werden könnten, dass eine frühzeitige antivirale Therapie bei Patient*innen mit einer moderaten oder hohen Hepatitis-B-Viruslast unabhängig vom ALT-Wert ermöglicht wird.

Y.-S. Lim, Department of Gastroenterology, Asan Medical Center, University of Ulsan College of Medicine, Seoul, Südkorea, E-Mail: limys@amc.seoul.kr

DOI:  10.1016/s2468-1253(24)00431-x

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