Leber und Gallenwege
J Hepatol. 2025;82(3):512-522
Intention-to-treat outcomes of patients with hepatocellular carcinoma receiving immunotherapy before liver transplant: The multicenter VITALITY study
Intention-to-Treat-Ergebnisse von Patient*innen mit hepatozellulärem Karzinom, die vor einer Lebertransplantation eine Immuntherapie erhalten: Die multizentrische VITALITY-Studie
Hintergrund und Ziele: Die Anwendung von Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) bei Patient*innen mit fortgeschrittenem hepatozellulärem Karzinom (HCC) ist inzwischen weit verbreitet und zeigt im neoadjuvanten Setting ermutigende Ergebnisse. Die Sicherheits- und die Intention-to-Treat(ITT)-Ergebnisse in der peritransplantären Phase beruhen derzeit auf begrenzten und heterogenen Berichten einzelner Zentren.
Methoden: Diese erste multiregionale US-Studie (2016–2023) umfasste 117 konsekutive Patient*innen mit HCC, die hinsichtlich einer Lebertransplantation (LTX) beurteilt und präoperativ mit ICIs behandelt wurden. Es wurden Analysen in Bezug auf ITT und das Überleben durchgeführt und die Abstoßungsraten nach der LTX beurteilt.
Ergebnisse: Insgesamt lagen 86 Patient*innen (73,5%) außerhalb der MILAN-Kriterien (MK) und 65 (75,6%) erreichten innerhalb eines Medians von 5,6 Monaten erfolgreich ein Downstaging. 43 (36,7%) unterzogen sich einer Transplantation, darunter 18 (15,4%), die die MK erfüllten, und 23 (19,7%), die ursprünglich außerhalb der Kriterien lagen, aber ein Downstaging erreichten. Insgesamt erhielten 94% der Kohorte gleichzeitig ICIs und lokoregionäre Therapien. Während der Phase auf der Warteliste traten keine unerwünschten Ereignisse der Grade 4–5 auf. Die kumulative 3-Jahres-Wahrscheinlichkeit eines Studienabbruchs betrug 28% bei Personen, die die MK erfüllten, und 48% bei denjenigen, die außerhalb der Kriterien lagen. Unabhängige Prädiktoren für den Abbruch waren unter anderem das Überschreiten der MK-Grenzwerte (p < 0,001), die Verdoppelung des Alpha-Fetoproteins gegenüber dem Ausgangswert (p = 0,014) und das radiologische Ansprechen (p < 0,001). Die 3-Jahres-Überlebensrate in der ITT-Analyse betrug 71,1% (73,5% innerhalb der MK vs. 69,7% außerhalb der MK, p = 0,329), mit einer 3-Jahres-Überlebensrate nach LTX von 85%. Nach der LTX traten bei 7 Patient*innen Abstoßungsreaktionen auf, 6 erhielten ihre letzte Dosis ICI weniger als 3 Monate vor der LTX, in 1 Fall kam es zum Transplantatverlust.
Schlussfolgerungen: Die erste multizentrische Auswertung von Patient*innen mit hepatozellulärem Karzinom, die vor einer Lebertransplantation Immun-Checkpoint-Inhibitoren erhalten hatten, zeigt günstige Überlebens- und Sicherheitsergebnisse, was die weitere Anwendung und eine fortgesetzte Bewertung dieser Strategie in der klinischen Praxis rechtfertigt. Eine hohe Tumorlast, eine Verdoppelung der Alpha-Fetoprotein-Werte und ein radiologisches Ansprechen wurden als Prädiktoren für ungünstige onkologische Ergebnisse identifiziert.
DOI: 10.1016/j.jhep.2024.09.003
PD Dr. Michael Schultheiß
Leiter Interdisziplinäres Ultraschallzentrum und Klinischer Leiter der Sektion TIPS, Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg
Immuncheckpoint-Inhibitoren beim hepatozellulären Karzinom vor Lebertransplantation: Risiko oder neue Strategie?
Mit der US-amerikanischen VITALITY-Studie untersuchten Tabrizian et al. einen sehr wichtigen, aber möglicherweise vernachlässigten Teilbereich der Therapie des hepatozellulären Karzinoms (HCC): die neoadjuvante Gabe einer Immuncheckpoint-Inhibitor(ICI)-Therapie vor Lebertransplantation (LTX).
Da allen HCC-Behandler*innen die notwendige bridge-to-transplant-Behandlung ihrer für eine LTX-gelisteten HCC-Patient*innen ein großes Anliegen ist und es seit der Erstzulassung einer Systemtherapie beim HCC mit Sorafenib 2007 schon zahlreiche neoadjuvante und adjuvante Therapiestudien gegeben hat, verwundert es vielleicht, dass eine solche Studie erst jetzt publiziert wird. Leider erfolgte die Studie nicht in einem randomisierten Setting, sondern als prospektive Beobachtungsstudie. Dies führte zu einem sehr heterogenen Patientenkollektiv:
– Die Genese der Lebererkrankung war im Gegensatz zu einem europäischen Kollektiv sehr „viruslastig“ mit 47,9% Hepatitis-C-Virus-bedingten, 19,7% Hepatitis-B-Virus-bedingten und nur 12% Alkohol-bedingten Hepatopathien.
– Bei 59,8% der Patient*innen lag initial ein HCC innerhalb der MILAN-Kriterien vor, 40,2% lagen darüber.
– Bei 94% der Patient*innen erfolgte vorab eine lokoregionäre Therapie (LRT), zum Großteil eine transarterielle Radioembolisation (41%) oder transarterielle Chemoembolisation (36,8%), und dies mit zwischen 1 (23,1%) und mehr als 4 (25,6%) Interventionen.
Der Einsatz der ICI als bridge-to-transplant oder im Rahmen eines „Downstaging“-Ansatzes basierte zudem auf individuellen Entscheidungen der multidisziplinären HCC-Boards der jeweiligen Kliniken. Die heterogene Verteilung der ICI lag bei 58,1% Nivolumab, 20,5% Atezolizumab, 18% Pembrolizumab und 3,4% Tremelimumab + Durvalumab.
Nichtsdestotrotz stellt die Studie einen sehr wichtigen Beitrag für LTX-gelistete HCC-Patient*innen dar und wird möglicherweise deren Management zukünftig beeinflussen. Der vielleicht relevanteste Aspekt der Studie sind die Daten zur Therapiesicherheit. So traten keine Grad-4- und nur 0,9% Grad-3-Toxizitäten auf. Sieben (16,7%) Patient*innen entwickelten nach LTX eine Abstoßungsreaktion, wovon 3 Patient*innen schwere Verläufe mit signifikanten hepatischen Nekrosen erlitten. Ein*e Patient*in musste deshalb retransplantiert werden. Bei 6 der 7 Patient*innen mit einer Abstoßung lag die letzte ICI-Gabe weniger als 3 Monate vor der LTX. Der Therapieerfolg der ICI ist einmal mehr beachtenswert: 22,6% zeigten in der Auswertung nach mRECIST eine komplette Response, 34,2% eine partielle Response. Von 86 Patient*innen, die während ihrer Krankheitsdauer außerhalb der MILAN-Kriterien lagen, konnten 65 (75,6%) erfolgreich wieder in die MILAN-Kriterien „downgestaged“ werden!
Die meisten Patient*innen in dieser Kohorte erhielten ICI aufgrund eines nur partiellen oder inkompletten Ansprechens der LRT. Möglicherweise ist aufgrund immunologischer Effekte aber auch die grundsätzliche Kombination aus ICI + LRT sinnvoll. Wo genau der (zeitliche) Stellenwert der ICI beim HCC im neoadjuvanten Setting vor LTX liegt, müssen deshalb weitere Studien beantworten.