Leber und Gallenwege
Lancet Gastroenterol Hepatol. 2024;9(12):1111-1120
Spleen stiffness measurement by vibration-controlled transient elastography at 100 Hz for non-invasive predicted diagnosis of clinically significant portal hypertension in patients with compensated advanced chronic liver disease: A modelling study
Messung der Milzsteifigkeit mittels vibrationsgesteuerter transienter Elastografie bei 100 Hz zur nicht-invasiven Vorhersagediagnose einer klinisch signifikanten portalen Hypertension bei Patient*innen mit kompensierter fortgeschrittener chronischer Lebererkrankung: eine Modellentwicklungsstudie
Hintergrund: Bei Patient*innen mit kompensierter fortgeschrittener chronischer Lebererkrankung (compensated advanced chronic liver disease, cACLD) kann das Risiko einer klinisch signifikanten portalen Hypertension (clinically significant portal hypertension, CSPH) durch nicht-invasive Tests wie die Messung der Lebersteifigkeit (liver stiffness measurement, LSM), die Messung der Thrombozytenzahl und in einigen Fällen des Body-Mass-Index (BMI) abgeschätzt werden. Das Ziel war, den diagnostischen Nutzen der Messung der Milzsteifigkeit (spleen stiffness measurement, SSM) bei 100 Hz als eigenständigen, nicht-invasiven Test für CSPH zu bewerten und seinen Mehrwert im Vergleich zum ANTICIPATE±NASH-Modell bei Patient*innen mit cACLD zu beurteilen.
Methoden: Für diese Modellentwicklungsstudie wurden Patient*innen aus 16 Fachzentren in Europa rekrutiert. Patient*innen, die sich zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 31. Dezember 2023 in einem der teilnehmenden Zentren einer Charakterisierung durch den hepatischen venösen Druckgradienten (hepatic venous pressure gradient, HVPG) und nicht-invasive Tests (d. h. LSM, Thrombozytenzahl und SSM bei 100 Hz) unterzogen hatten, kamen für die Studie infrage. Nur Patient*innen ab 18 Jahren mit Klasse-A-cACLD nach den Child-Pugh-Kriterien, mit einem LSM-Wert von mindestens 10 kPa oder F3- oder F4-Fibrose in der Leberhistologie wurden eingeschlossen. Die Gesamtkohorte wurde in eine Ableitungskohorte (Patient*innen, die zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 31. Dezember 2022 rekrutiert wurden) und eine zeitliche Validierungskohorte (Patient*innen, die zwischen dem 1. Januar 2023 und dem 31. Dezember 2023 rekrutiert wurden) aufgeteilt. Das ANTICIPATE±NASH-Modell wurde zur Bewertung der individuellen CSPH-Wahrscheinlichkeit angewendet, und SSM wurde als eigenständiger nicht-invasiver Test für CSPH untersucht, und zwar sowohl in Kombination mit Thrombozytenzahl und BMI als auch in einem vollständigen Modell mit SSM, LSM, Thrombozytenzahl und BMI (d. h. dem Non-Invasive-CSPH-Estimated-Risk[NICER]-Modell). Bei allen Modellen handelte es sich um binäre logistische Regressionsmodelle. Der primäre Endpunkt war CSPH. Der diskriminative Nutzen der Modelle wurde bewertet, indem die Fläche unter der Receiver-Operating-Characteristics-Curve (AUC) berechnet und Kalibrierungsplots erstellt sowie eine Kalibrierung von Achsenabschnitt, Steigung und integriertem Kalibrierungsindex durchgeführt wurde.
Erkenntnisse: Es wurden 407 Patient*innen mit cACLD eingeschlossen, 202 (50%) in der Ableitungskohorte und 205 (50%) in der Validierungskohorte. Der Altersmedian lag bei 60,0 Jahren (Interquartilenabstand, 55,0–66,8); 275 (68%) der 407 Patient*innen waren männlich und 132 (32%) weiblich. 164 (40%) von 407 Patient*innen litten an einer metabolische Dysfunktion-assoziierten steatotischen Lebererkrankung (MASLD), 133 (33%) an MASLD mit erhöhtem Alkoholkonsum oder einer alkoholbedingten Lebererkrankung, 75 (18%) an einer Virushepatitis (61 [81%] davon mit anhaltender virologischer Response des Hepatitis-C-Virus oder Unterdrückung der Hepatitis-B-Virus-DNA) und 35 (9%) an anderen chronischen Lebererkrankungen. 241 (59%) Patient*innen hatten eine CSPH. Der Medianwert der SSM betrug 45,0 kPa (32,1–65,4) und der LSM 21,4 kPa (14,1–31,6). SSM und LSM hatten ähnliche AUCs für die Vorhersage von CSPH in der Ableitungskohorte (0,779 [95% Konfidenzintervall: 0,717-0,842] vs. 0,781 [0,718-0,844]; p = 0,97) und in der Validierungskohorte (0,830 [0,772-0,887] vs. 0,804 [0,743-0,864]; p = 0,50). Das SSM-basierte Modell, das die Thrombozytenzahl und den BMI umfasst, hatte eine ähnliche AUC wie das ANTICIPATE±NASH-Modell sowohl in der Ableitungskohorte (0,849 [0,794–0,903] vs. 0,849 [0,794–0,903]; p = 0,999) als auch in der Validierungskohorte (0,873 [0,819–0,922] vs. 0,863 [0,810–0,916]; p = 0,75). Das NICER-Modell hatte eine signifikant höhere AUC für die Vorhersage von CSPH als das ANTICIPATE±NASH-Modell in der Ableitungskohorte (0,889 [0,843-0,934] vs. 0,849 [0,794-0,903]; p = 0,022) und in der Validierungskohorte (0,906 [0,864-0,946] vs. 0,863 [0,810-0,916]; p = 0,012).
Interpretation: Die Messung der Milzsteifigkeit (SSM) zusätzlich zur Messung der Lebersteifigkeit (LSM), des BMI und der Thrombozytenzahl übertraf das ANTICIPATE±NASH-Modell zur Risikostratifizierung der klinisch signifikanten portalen Hypertension (CSPH) in dieser Kohorte von Patient*innen mit kompensierter fortgeschrittener chronischer Lebererkrankung (cACLD). SSM verbessert die nicht-invasive Diagnose von CSPH, was für deren Einführung in die klinische Praxis spricht.