Ösophagus bis Dünndarm
Lancet Oncol. 2025;26(4):425-436
Neoadjuvant chemoradiotherapy followed by active surveillance versus standard surgery for oesophageal cancer (SANO trial): A multicentre, stepped-wedge, cluster-randomised, non-inferiority, phase 3 trial
Neoadjuvante Radiochemotherapie gefolgt von aktiver Überwachung im Vergleich zur Standardoperation bei Ösophaguskarzinomen (SANO-Studie): eine multizentrische, Cluster-randomisierte Phase-III-Nichtunterlegenheitsstudie im Stepped-Wedge-Design
Hintergrund: Bei einem beträchtlichen Anteil an Personen mit Ösophaguskarzinomen kommt es nach einer neoadjuvanten Radiochemotherapie und Ösophagektomie zu einer pathologischen Komplettremission. Diese Studie sollte untersuchen, ob eine aktive Überwachung eine Alternative für Personen sein könnte, die nach einer neoadjuvanten Radiochemotherapie eine klinische Komplettremission erreichen.
Methoden: Eine multizentrische, Cluster-randomisierte Phase-III-Nichtunterlegenheitsstudie im Stepped-Wedge-Design wurde in 12 niederländischen Krankenhäusern durchgeführt. Patient*innen mit lokal fortgeschrittenem Ösophaguskarzinom und einer klinischen Komplettremission nach neoadjuvanter Radiochemotherapie (d. h. kein Tumornachweis mittels endoskopischen Biopsien, Ultraschall und PET-CT) unterzogen sich einer aktiven Überwachung oder einer Standardoperation (d. h. Ösophagektomie innerhalb von 2 Wochen nach Erreichen einer klinischen Komplettremission). Im Hinblick auf Komorbiditäten oder Performance-Status gab es keine Einschlussbeschränkungen, jedoch hatten die Teilnehmenden ein Karzinom, waren mindestens 18 Jahre alt und wurden mit kurativer Intention behandelt. Nach einer Anfangsphase, in der alle Krankenhäuser die Standardoperation durchführten, wurden die Zentren unter Verwendung von computergenerierten Sequenzen ohne Stratifizierungsmethoden randomisiert. Primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben, das nach einem modifizierten Intention-to-Treat-Prinzip (mit möglichem Crossover zum Zeitpunkt der klinischen Komplettremission) und einem Intention-to-Treat-Prinzip analysiert wurde. Nichtunterlegenheit wurde definiert als eine 2-Jahres-Überlebensrate bei aktiver Überwachung, die höchstens 15% unter derjenigen bei einer Standardoperation liegt. Die Einschlussphase der Studie ist abgeschlossen.
Erkenntnisse: Zwischen dem 8. November 2017 und dem 17. Januar 2021 wurden 1115 Patient*innen gescreent, von denen 309 eingeschlossen wurden. Bei 198 wurde eine aktive Überwachung und bei 111 eine Standardoperation durchgeführt. 242 (78%) der Teilnehmenden waren männlich und 67 (22%) weiblich. Der mediane Nachbeobachtungszeitraum betrug 38 Monate (Interquartilenabstand [IQR]: 32–48). Das 2-Jahres-Gesamtüberleben für die aktive Überwachung (74% [95% Konfidenzintervall {CI}: 69–78]) war der Standardoperation (71% [62–78]) nach einer modifizierten Intention-to-Treat-Analyse (1-seitige 95% Grenze: 7% niedriger) nicht unterlegen. In der Intention-to-Treat-Analyse (1-seitige 95% Grenze: 6% niedriger) blieb es bei der Nichtunterlegenheit (75% [68–80] vs. 70% [63–77]). Gemäß der modifizierten Intention-to-Treat-Analyse (Hazard-Ratio = 1,14; 2-seitiges 95% CI: 0,74–1,78) oder der Intention-to-Treat-Analyse (0,83; 0,53–1,31) gab es keine signifikanten Unterschiede beim Gesamtüberleben. Die Häufigkeit postoperativer Komplikationen und der postoperativen Mortalität nach einer Standardoperation oder nach einer aufgeschobenen Operation im Anschluss an die aktive Überwachung war in den Gruppen ähnlich.
Interpretation: Das 2-Jahres-Gesamtüberleben bei Ösophaguskarzinomen nach aktiver Überwachung war jenem nach der Standardoperation nicht unterlegen. Um die Langzeitwirksamkeit einer aktiven Überwachung zu bewerten, ist eine längere Nachbeobachtungszeit erforderlich. Die Ergebnisse dieser Studie könnten zur Beratung von Patient*innen und zur gemeinsamen Entscheidungsfindung genutzt werden.
DOI: 10.1016/s1470-2045(25)00027-0
Prof. Dr. Michael Quante
Prof. Dr. Michael Quante, Leiter Gastrointestinale Onkologie, Universitätsklinikum Freiburg, Klinik für Innere Medizin II, Hugstetter Straße 55, 79106 Freiburg
Vom Standard zur Selektion: Leitet die SANO-Studie einen Paradigmenwechsel in der Ösophaguschirurgie ein?
Die SANO-Studie, kürzlich publiziert in The Lancet Oncology, untersucht in einem innovativen Studiendesign die Frage, ob bei Patient*innen mit Ösophaguskarzinom und klinischem Komplettansprechen (cCR) nach neoadjuvanter Chemoradiotherapie (nCRT, CROSS-Protokoll) eine aktive Überwachung (AS) der unmittelbaren Operation hinsichtlich des Gesamtüberlebens (OS) nicht unterlegen ist. In der multizentrischen, Cluster-randomisierten Nichtunterlegenheitsstudie wurden Patient*innen mit cCR entweder einer aktiven Überwachung mit engmaschiger Nachsorge oder der leitliniengerechten Operation zugewiesen.
Die Ergebnisse zeigen, dass das 2-Jahres-Gesamtüberleben in der AS-Gruppe (74%) nicht schlechter war als in der chirurgischen Kontrollgruppe (71%, Hazard-Ratio = 1,14; p = 0,55), womit die Nichtunterlegenheit von AS bestätigt wurde. Gleichzeitig war die gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQoL) in der AS-Gruppe signifikant besser, insbesondere in den ersten Monaten nach Therapieabschluss. Etwa 48% der Patient*innen in der AS-Gruppe entwickelten ein lokoregionales Rezidiv, wobei 83 von ihnen erfolgreich einer Salvage-Ösophagektomie unterzogen wurden. Die meisten dieser Rückfälle traten innerhalb der ersten 24 Monate auf, was die Bedeutung einer engmaschigen Nachsorge unterstreicht.
Die SANO-Studie liefert damit den bislang überzeugendsten klinischen Beleg, dass bei sorgfältig ausgewählten Patient*innen mit cCR nach CROSS-basierter nCRT ein organerhaltender Ansatz verfolgt werden kann – mit vergleichbarem Überleben, aber verbesserter Lebensqualität. Dennoch ist zu betonen, dass die SANO-Daten bislang nicht histologisch stratifiziert publiziert sind. Da Plattenepithelkarzinome (SCC) deutlich besser auf Radiochemotherapie ansprechen als Adenokarzinome, ist der Einsatz des SANO-Algorithmus insbesondere für SCC derzeit am plausibelsten.
Im Kontext anderer aktueller Studien zur neoadjuvanten Therapie des Ösophagus- und GEJ-Karzinoms ermöglicht die SANO-Studie eine wichtige Neubewertung:
Die ESOPEC-Studie verglich perioperative FLOT-Chemotherapie (5-FU, Leucovorin, Oxaliplatin, Docetaxel) mit der CROSS-basierten nCRT bei Patient*innen mit resektablem Adenokarzinom des Ösophagus oder gastroösophagealen Übergangs. Sie zeigte einen signifikanten Überlebensvorteil zugunsten von FLOT. Interessanterweise war die Rate pathologisch kompletter Remission (pCR) im FLOT-Arm sogar leicht höher als im CROSS-Arm, obwohl letzterer traditionell mit höheren pCR-Raten assoziiert war. Die chirurgischen Ergebnisse waren vergleichbar, jedoch traten unter FLOT häufiger schwere Nebenwirkungen (≥ Grad 3) auf. Die Studie etablierte FLOT als neuen Therapiestandard für Adenokarzinome, insbesondere bei Patient*innen mit höherem Tumorstadium.
Die TOPGEAR-Studie, die ebenfalls perioperative Chemotherapie (teils FLOT) mit oder ohne zusätzliche präoperative Radiotherapie untersuchte, konnte trotz verbesserter pCR-Raten durch Radiotherapie keinen Überlebensvorteil nachweisen. Sie bestätigte damit, dass bei Magen- und GEJ-Adenokarzinomen der Zusatznutzen von Radiotherapie begrenzt ist. Auch die NEO-AEGIS-Studie kam zu ähnlichen Ergebnissen: Chemoradiotherapie erreichte zwar höhere pCR-Raten, jedoch ohne Verbesserung des Gesamtüberlebens.
In diese Entwicklungen reiht sich die laufende ESORES-Studie ein, die als Nichtunterlegenheitsstudie prüft, ob auf eine Operation nach neoadjuvanter Therapie verzichtet werden kann, wenn bei Patient*innen ein cCR vorliegt – unabhängig davon, ob zuvor nCRT oder nCT (z. B. FLOT) verabreicht wurde. Anders als SANO berücksichtigt ESORES damit auch Patient*innen nach alleiniger Chemotherapie. Sollte die Studie die Nichtunterlegenheit der aktiven Überwachung belegen, könnte dies das Spektrum organerhaltender Ansätze auch auf Patient*innen mit Adenokarzinom und cCR nach FLOT erweitern – ein bedeutsamer Schritt hin zu personalisierten und weniger invasiven Therapiealgorithmen.
Fazit: Die SANO-Studie markiert einen Paradigmenwechsel im kurativen Management des Ösophaguskarzinoms nach nCRT – mit dem Potenzial, die radikale Operation bei ausgewählten Patient*innen zu vermeiden. Im Vergleich dazu etabliert die ESOPEC-Studie FLOT als neuen Standard bei Adenokarzinomen, während TOPGEAR die Rolle der Radiotherapie kritisch hinterfragt. Die Ergebnisse der ESORES-Studie werden entscheidend dafür sein, ob der Verzicht auf eine Operation auch nach FLOT-basierten Konzepten sicher und effektiv möglich ist. Damit steht die personalisierte Therapieentscheidung – basierend auf Tumorbiologie, Ansprechen und Patientenpräferenz – stärker denn je im Zentrum des modernen Therapieansatzes beim Ösophagus- und GEJ-Karzinom.