Ösophagus bis Dünndarm
Gastroenterology. 2025;169(6):1233-1243.e8
Barrett’s oesophagus surveillance versus endoscopy at need study (BOSS): A randomized controlled trial
Überwachungsendoskopie im Vergleich zu bedarfsweiser Endoskopie beim Barrett-Ösophagus (BOSS): eine randomisierte kontrollierte Studie
Hintergrund und Ziele: Der Barrett-Ösophagus (Barrett’s esophagus, BE) ist eine Vorstufe des Ösophagus-Adenokarzinoms (esophageal adenocarcinoma, EAC). Durch Überwachungsendoskopie soll eine frühe maligne Progression erkannt werden. Auch wenn die Überwachungsendoskopie breite Anwendung findet, wurde sie bislang noch nicht im Rahmen einer randomisierten Studie untersucht.
Methoden: Die randomisierte und kontrollierte BOSS-Studie (Barrett’s Oesophagus Surveillance Versus Endoscopy at Need Study) wurde an 109 Zentren im Vereinigten Königreich durchgeführt. Patient*innen mit BE wurden randomisiert einer Überwachungsendoskopie alle 2 Jahre oder einer bedarfsweisen Endoskopie nur bei Auftreten von Symptomen zugeteilt. Der Nachbeobachtungszeitraum betrug mindestens 10 Jahre. Primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben in der Intention-to-Treat-Population. Sekundäre Endpunkte umfassten das tumorspezifische Überleben, die Zeit bis zur Diagnosestellung eines EAC, das Stadium eines EAC bei Diagnosestellung, die Endoskopie-Häufigkeit und mit den Interventionen zusammenhängende schwerwiegende unerwünschte Ereignisse.
Ergebnisse: 3453 Patient*innen wurden rekrutiert; 1733 wurden randomisiert der Überwachungsendoskopie und 1719 der bedarfsweisen Endoskopie zugeteilt. Der mediane Nachbeobachtungszeitraum für den primären Endpunkt betrug 12,8 Jahre. Es gab keine Hinweise auf Unterschiede im Gesamtüberleben zwischen dem Arm mit Überwachungsendoskopie (333 Todesfälle bei 1733 Patient*innen) und dem Arm mit bedarfsweiser Endoskopie (356 Todesfälle bei 1719 Patient*innen; Hazard-Ratio [HR] = 0,95; 95% Konfidenzintervall [CI]: 0,82–1,10; p-Wert im stratifizierten Log-Rank-Test = 0,503). Zudem zeigten sich keine Unterschiede zwischen der Überwachungsendoskopie versus der bedarfsweisen Endoskopie in Bezug auf das tumorspezifische Überleben (108 vs. 106 Todesfälle durch jegliche Krebserkrankung; HR = 1,01; 95% CI: 0,77–1,33; p = 0,926), die Zeit bis zur Diagnosestellung eines EAC (diagnostiziert bei 40 vs. 31 Patient*innen; HR = 1,32; 95% CI: 0,82–2,11; p = 0,254) oder das Krebsstadium bei Diagnosestellung. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden bei 8 Patient*innen unter Überwachungsendoskopie (0,46%) und 7 Patient*innen unter bedarfsweiser Endoskopie (0,41%) beschrieben.
Schlussfolgerungen: Die Überwachung verbesserte das Gesamtüberleben und das tumorspezifische Überleben nicht. Die bedarfsweise Endoskopie kann bei Patient*innen mit niedrigem Risiko eine sichere Alternative sein.
DOI: 10.1053/j.gastro.2025.03.021
Prof. Dr. Michael Quante
Leiter Gastrointestinale Onkologie, Universitätsklinikum Freiburg, Klinik für Innere Medizin II, Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg
Weniger ist mehr? Evaluation der endoskopischen Überwachung beim Barrett-Ösophagus in der BOSS-Studie
Die BOSS-Studie („Barrett’s Oesophagus Surveillance Study“) stellt die bislang größte und methodisch stärkste randomisierte Untersuchung zur Frage dar, ob eine regelmäßige endoskopische Überwachung bei nicht-dysplastischem Barrett-Ösophagus (NDBE) zu einem klinisch relevanten Nutzen führt. In der multizentrischen UK-Studie wurden 3452 Patient*innen aus 109 Zentren über einen Zeitraum von im Median 12,8 Jahren beobachtet und randomisiert einer zweijährlichen Surveillance-Endoskopie oder einer symptombasierten „endoscopy at need“-Strategie zugeteilt. Im Surveillance-Arm wurden insgesamt deutlich mehr ÖGD durchgeführt (6124 vs. 2424) und dysplastische Veränderungen wurden häufiger entdeckt. Dennoch zeigten sich in den primären und sekundären klinischen Endpunkten keine Vorteile: Weder das Gesamtüberleben noch das krebsspezifische Überleben unterschieden sich zwischen beiden Strategien. Es fand sich kein signifikanter Unterschied in der Inzidenz des ösophagealen Adenokarzinoms (EAC) und das Tumorstadium bei Diagnose blieb ebenfalls ähnlich. Die jährliche Progressionsrate von NDBE zu EAC lag bei nur ~0,23% pro Jahr, bestätigt also ein sehr geringes absolutes Risiko. Insgesamt verstarben im Surveillance-Arm 19,2% der Patient*innen und im Kontrollarm 20,7%, womit der primäre Endpunkt eines Überlebensvorteils klar verfehlt wurde.
Obwohl der Barrett-Ösophagus traditionell als wichtiger Risikofaktor für das ösophageale Adenokarzinom gilt, stellt sich erneut die Frage, ob der Barrett-Befund allein tatsächlich das zentrale Risiko darstellt, oder ob andere, oft übersehene Faktoren stärker in den Vordergrund rücken sollten. Zunehmend spricht vieles dafür, dass chronische Inflammation (GERD), Adipositas, metabolische Faktoren, biliäre Refluxexposition und genetisch-klonale Veränderungen in der Schleimhaut wesentlich zur Krebsentstehung beitragen und das Risiko individueller prägen als die Barrett-Diagnose an sich. In der klinischen Praxis bedeutet dies: Statt allein den Barrett-Status als Ausgangspunkt für Überwachungsentscheidungen zu werten, sollte eine umfassende, multifaktorielle Risikobewertung erfolgen, die inflammatorische Belastung, Lebensstilfaktoren und molekulare Marker stärker berücksichtigt.
Begleitend wurde in der BOSS-Studie eine gesundheitsökonomische Modellierung durchgeführt, die die BOSS-Daten über einen Zeitraum von fast 23 Jahren (12,8 Jahre Follow-up plus 10 Jahre Modellprojektion) analysierte. Die Surveillance-Strategie verursachte dabei signifikant höhere Kosten und generierte gleichzeitig nur einen minimalen Zuwachs an qualitätsadjustierten Lebensjahren (QALYs). Die Gesamtkosten pro Patient*in betrugen 5309 USD gegenüber 3182 USD in der „at-need“-Gruppe, während der gesundheitliche Zusatznutzen äußerst gering ausfiel. Das Verhältnis von zusätzlichen Kosten zu zusätzlichem Nutzen liegt damit deutlich über dem, was in Gesundheitssystemen üblicherweise als effizient oder vertretbar gilt und zeigt, dass engmaschige Surveillance unter den gegebenen Annahmen nicht kosteneffektiv ist.
Zusammengenommen liefern die klinische und die ökonomische Analyse ein konsistentes Bild: Regelmäßige zweijährliche Surveillance-Endoskopien bei NDBE führen weder zu einer Verbesserung des Überlebens noch zu einer Verringerung der Tumorinzidenz oder einer Stadiumsverschiebung, verursachen jedoch einen erheblich höheren endoskopischen Aufwand und deutlich höhere Kosten, bei gleichzeitig äußerst geringem absolutem Progressionsrisiko.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Ergebnisse für die deutsche Versorgung und insbesondere die S3-Leitlinie zum Barrett-Ösophagus einzuordnen sind. Das Editorial zur BOSS-Studie betont vor allem das ethische Prinzip „primum non nocere“ und weist darauf hin, dass die Belastungen der Surveillance in keinem angemessenen Verhältnis zu einem nicht vorhandenen Überlebensvorteil stehen. Gerade bei typischen NDBE-Patient*innen mit niedriger jährlicher Progressionsrate und häufig relevanter konkurrierender Mortalität erscheint es fraglich, ob eine routinemäßige Endoskopie alle 2–3 Jahre gerechtfertigt ist. Für die deutsche Leitlinie bedeutet dies, dass die bisherige Empfehlung zur Surveillance differenziert überprüft werden sollte. Insbesondere für Patient*innen mit kurzer Barrett-Strecke, fortgeschrittenem Lebensalter, mangelnder Therapiefähigkeit oder ohne zusätzliche Risikofaktoren könnte eine symptombasierte oder deutlich verlängerte Surveillance-Strategie medizinisch sinnvoll und ethisch geboten sein.
Gleichzeitig unterstreichen die BOSS-Daten die Bedeutung einer präziseren Risikostratifikation. Während der Nutzen einer intensiven Überwachung bei niedrigem Risiko nicht belegt ist, bestehen weiterhin Unsicherheiten bei Patient*innen mit längerer Barrett-Strecke, bestätigter LGD, familiärer Belastung oder Zusatzrisikofaktoren wie Adipositas. Für diese Gruppen sind Surveillance und endoskopische Therapien weiterhin gerechtfertigt, sollten aber strukturiert und qualitätsgesichert erfolgen. Die aktuelle Evidenzlage spricht daher nicht für eine generelle Abschaffung der Surveillance, wohl aber für eine stärker individualisierte, risikoadaptierte Strategie.
Die BOSS-Studie sollte als Anlass dienen, die Surveillance bei NDBE in Deutschland kritisch neu zu bewerten: weniger pauschal, stärker risikobasiert und ressourcenbewusst und vor allem unter Berücksichtigung des fehlenden Überlebensvorteils, der geringen absoluten Risiken und der erheblichen endoskopischen und ökonomischen Belastungen.