Leber und Gallenwege
Lancet Gastroenterol Hepatol. 2024;9(8):718–33
Switching to tenofovir alafenamide in patients with virologically suppressed chronic hepatitis B and renal or hepatic impairment: Final week 96 results from an open-label, multicentre, phase 2 study
Umstellung auf Tenofoviralafenamid bei Patient*innen mit virologisch unterdrückter chronischer Hepatitis B und eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion: Endergebnisse in Woche 96 einer offenen, multizentrischen Phase-II-Studie
Hintergrund: In Phase-III-Studien bei Patient*innen mit chronischer Hepatitis B erwies sich Tenofoviralafenamid (TAF) gegenüber Tenofovirdisoproxilfumarat (TDF) als nicht unterlegen hinsichtlich der Wirksamkeit und zeigte dabei ein besseres Nebenwirkungsprofil in Bezug auf Nieren und Knochen. Diese Studie wurde durchgeführt, um die Sicherheit und die Wirksamkeit einer Umstellung auf TAF bei chronischer Hepatitis B und eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion zu untersuchen.
Methoden: Diese offene, multizentrische Phase-II-Studie wurde in 8 Ländern und Gebieten an 30 Zentren durchgeführt. Die Autor*innen rekrutierten Erwachsene (≥ 18 Jahre) mit chronischer Hepatitis B, die eine Virussuppression mit Nukleos(t)idanaloga erhielten und bei denen entweder eine Niereninsuffizienz (Teil A: mittelschwer bis schwer in Kohorte 1 [geschätzte glomeruläre Filtrationsrate nach Cockcroft-Gault {eGFRCG} 15–59 ml/min] oder terminal [eGFRCG < 15 ml/min] unter Hämodialyse in Kohorte 2) oder eine dekompensierte Lebererkrankung (Teil B: Child-Turcotte-Pugh-Score 7–12) vorlag. Die Teilnehmer*innen wurden auf 25 mg TAF per os einmal täglich über 96 Wochen umgestellt. Primärer Endpunkt war der Anteil der Teilnehmer*innen mit Virussuppression (HBV-DNA < 20 IU/ml) in Woche 24, ermittelt anhand einer Missing-Equals-Failure(MEF)-Analyse. Die Analysen zur Wirksamkeit (vollständiger Analysedatensatz) und zur Sicherheit (Sicherheitsdatensatz) umfassten alle eingeschlossenen Teilnehmer*innen, die mindestens 1 Dosis des Studienmedikaments erhalten hatten. In Woche 96 wurde die Sicherheit beurteilt, einschließlich der Nieren- und Knochenparameter.
Erkenntnisse: Zwischen dem 11. August 2017 und dem 17. Oktober 2018 wurden 124 Teilnehmer*innen (93 in Teil A [78 in Kohorte 1 und 15 in Kohorte 2] sowie 31 in Teil B) eingeschlossen und in den vollständigen Analysedatensatz und den Sicherheitsdatensatz aufgenommen. 106 Teilnehmer*innen (85%) schlossen die Studie ab. In Teil A waren 69 Männer (74%) und 24 Frauen (26%) eingeschlossen, in Teil B 21 Männer (68%) und 10 Frauen (32%). In Woche 24 wiesen 91 (97,8%, 95% Konfidenzintervall [CI]: 92,4–99,7) der 93 Teilnehmer*innen in Teil A (76 [97,4%, 95% CI: 91,0–99,7] von 78 in Kohorte 1 und 15 [100,0%, 95% CI: 78,2–100,0] von 15 in Kohorte 2) sowie 31 (100,0%, 95% CI: 88,8–100,0) in Teil B einen HBV-DNA-Wert von weniger als 20 IU/ml auf. Das häufigste unerwünschte Ereignis bis Woche 96 war ein Infekt der oberen Atemwege – bei 14 Teilnehmer*innen (15%) in Teil A und 6 (19%) in Teil B. Zu schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen kam es bei 20 Teilnehmer*innen in Teil A (22%) und 10 in Teil B (32%); in keinem Fall bestand ein Zusammenhang mit der Behandlung. Es traten keine behandlungsbedingten Todesfälle auf. In Woche 96 betrug die mediane Veränderung der geschätzten eGFRCG 1,0 ml/min (Interquartilenabstand [IQR], -2,8–4,5) in Kohorte 1 und -2,4 ml/min (IQR, -11,4–10,7) in Teil B. Die mittleren Veränderungen der Knochendichte der Wirbelsäule und der Hüfte lagen bei 1,02% (Standardabweichung [SD]: 4,44) bzw. 0,20% (SD: 3,25) in Teil A und -0,25% (SD: 3,91) bzw. 0,28% (SD: 3,25) in Teil B.
Interpretation: Tenofoviralafenamid bietet für Patient*innen mit eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion und chronischer Hepatitis B bei der Umstellung von Tenofovirdisoproxilfumarat oder anderen Virostatika möglicherweise eine antivirale Wirkung in Verbindung mit einem günstigen Sicherheitsprofil.