Dickdarm bis Rektum

Nature. 2025;642(8067):458-466

Global evolution of inflammatory bowel disease across epidemiologic stages

Hracs L, Windsor JW, Gorospe J, Cummings M, Coward S, Buie MJ, Quan J, Goddard Q, Caplan L, Markovinović A, Williamson T, Abbey Y, Abdullah M, Abreu MT, Ahuja V, Raja Ali RA, Altuwaijri M, Balderramo D, Banerjee R, Benchimol EI, Bernstein CN, Brunet-Mas E, Burisch J, Chong VH, Dotan I, Dutta U, El Ouali S, Forbes A, Forss A, Gearry R, Dao VH, Hartono JL, Hilmi I, Hodges P, Jones GR, Juliao-Baños F, Kaibullayeva J, Kelly P, Kobayashi T, Kotze PG, Lakatos PL, Lees CW, Limsrivilai J, Lo B, Loftus EV, Jr., Ludvigsson JF, Mak JWY, Miao Y, Ng KK, Okabayashi S, Olén O, Panaccione R, Paudel MS, Quaresma AB, Rubin DT, Simadibrata M, Sun Y, Suzuki H, Toro M, Turner D, Iade B, Wei SC, Yamamoto-Furusho JK, Yang SK, Ng SC, Kaplan GG; Global IBD Visualization of Epidemiology Studies in the 21st Century (GIVES-21) Research Group

Weltweite Entwicklung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen über epidemiologische Stadien hinweg

Im 20. Jahrhundert galten chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) als eine Erkrankung der früh industrialisierten Regionen in Nordamerika, Europa und Ozeanien. Um die Jahrhundertwende zum 21. Jahrhundert stieg die CED-Inzidenz in neu industrialisierten und aufstrebenden Regionen in Afrika, Asien und Lateinamerika an, und auch die Prävalenz in den früh industrialisierten Regionen erhöhte sich stetig weiter. Veränderungen der Inzidenz und Prävalenz charakterisieren die Entwicklung der CED über 4 epidemiologische Stadien: Stadium 1 (Aufkommen), gekennzeichnet durch niedrige Inzidenz und Prävalenz; Stadium 2 (Beschleunigung der Inzidenz), gekennzeichnet durch eine schnell ansteigende Inzidenz und eine niedrige Prävalenz; und Stadium 3 (kumulierende Prävalenz), gekennzeichnet durch Dezeleration, Plateaubildung oder Abnahme der Inzidenz bei stetig ansteigender Prävalenz. Es wurde ein viertes Stadium (Prävalenz-Gleichgewicht) vorgeschlagen, in dem die Prävalenz durch demographische Verschiebungen in einer alternden CED-Population ein Plateau erreicht, allerdings wurde dieses Stadium noch nicht nachgewiesen. Diese Stadien sind bislang Theorie und es fehlen konkrete numerische Indikatoren, welche Übergangspunkte definieren. In der vorliegenden Arbeit werden auf Grundlage von Real-World-Daten aus 522 populationsbasierten Studien, die 82 weltweite Regionen und einen Zeitraum von mehr als 1 Jahrhundert (1920–2024) abbilden, räumlich-zeitliche Übergänge zwischen den Stadien 1–3 gezeigt und ein Fortschreiten auf Stadium 4 modelliert. Ein Verständnis der Entwicklung der CED über verschiedene epidemiologische Stadien hinweg ermöglicht den Gesundheitssystemen eine bessere Vorhersage der zukünftigen weltweiten CED-Last.

S.C. Ng, Department of Medicine and Therapeutics, Institute of Digestive Disease, State Key Laboratory of Digestive Diseases, Li Ka Shing Institute of Health Sciences, The Chinese University of Hong Kong, Hong Kong, China, e-mail: siewchienng@cuhk.edu.hk

oder

G.G. Kaplan, Division of Gastroenterology and Hepatology, Department of Medicine, University of Calgary, Calgary, AB, Canada, e-mail: ggkaplan@ucalgary.ca

DOI:  10.1038/s41586-025-08940-0

Expertenmeinung

Prof. Dr. Peter Hasselblatt
Stellv. Ärztlicher Direktor / Leitender Oberarzt Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg, Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg

Künftige Epidemiologie chronisch entzündlicher Darmerkrankungen – was bringt die Zukunft?

Die Verbreitung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED) nimmt mit der Industrialisierung deutlich zu. Diese Entwicklung lässt sich durch 4 epidemiologische Phasen beschreiben. Phase 1 beschreibt das sporadische Auftreten von CED und ist durch eine geringe Inzidenz und Prävalenz gekennzeichnet. Mit zunehmender Industrialisierung, westlichem Lebensstil sowie entsprechender Ernährung kommt es in Phase 2 zu einer deutlichen Zunahme der Inzidenz bei noch geringer Prävalenz, bevor die Inzidenz in Phase 3 zwar wieder abnimmt, die Prävalenz aufgrund der chronischen Erkrankung aber stetig ansteigt. In der bisher erst hypothetisch angenommenen 4. Phase könnte die Prävalenz dann in einer alternden CED-Bevölkerung aufgrund der Altersmortalität wieder abnehmen. 
Im Rahmen dieser in Nature erschienenen Arbeit von Hracs et al. wurde dieses epidemiologische Konzept anhand von 522 populationsbasierten Studien aus 82 Ländern im Zeitraum zwischen 1920 und 2024 überprüft. Hier bestätigte sich, dass sich die Epidemiologie von CED weltweit sehr unterschiedlich entwickelt. Zwischen 1970 und 2010 hat sich beispielsweise die Inzidenz in skandinavischen Ländern etwa verfünffacht, wodurch auch die Prävalenz bei sich nun stabilisierender Inzidenz stetig anstieg. Diese Entwicklungen in westlichen industrialisierten Ländern ließen sich auch auf Schwellen- und Entwicklungsländer übertragen, in denen derzeit die Inzidenz deutlich ansteigt (Übergang von Phase 1 in Phase 2). Interessanterweise wurde in einigen Regionen eine auffällig stark erhöhte Inzidenz beschrieben. Eine weiterführende Untersuchung dieser Populationen könnte interessante Rückschlüsse auf genetische Risikofaktoren erlauben. Zudem korrelierten zahlreiche Umweltfaktoren wie westliche Ernährung, Grad der Gesundheitsversorgung, die wirtschaftliche Entwicklung und Urbanisierung gut mit dem Auftreten der jeweiligen epidemiologischen Phasen 1–3.
Da die Phase 4 bisher in keinem Land erreicht worden ist, haben die Autor*innen anhand ihres Datensatzes die Transition von Phase 3 in Phase 4 mathematisch modelliert. Nach Stabilisierung der Inzidenz und in einer alternden Bevölkerung sollte es aufgrund der steigenden Mortalität wieder zu einer fallenden Prävalenz kommen. So wurde in mehreren Ländern wie Kanada, Schottland und Dänemark eine stärkere Zunahme der Prävalenz in der alternden Bevölkerung im Vergleich zu jungen Menschen beobachtet. Nach den Berechnungen der Autor*innen ist aber ein Äquilibrium der Prävalenz frühestens nach 2040 zu erwarten. Wir müssen uns also langfristig auf eine deutlich steigende Zahl von Betroffenen mit CED einstellen, die in Europa eine Prävalenz von 1–1,7% der Bevölkerung erreichen dürfte. 
Diese Berechnungen sind essenziell für die medizinische Bedarfsplanung zur Versorgung von Betroffenen mit CED und verdeutlichen einen erheblichen Ressourcenbedarf in den kommenden Jahrzehnten. Darüber hinaus unterstreicht diese beunruhigende Zunahme der Prävalenz die Notwendigkeit, Risikopersonen frühzeitig zu identifizieren, den Ausbruch von CED wirksamer zu verhindern und bessere sowie bezahlbare Therapien zu entwickeln.

Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren:

Weitere Artikel zum Thema