Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Entwicklung und Validierung von Biomarkern für die Krankheitsprognose und das Therapieansprechen ist eine wesentliche Voraussetzung für Ansätze einer personalisierten Medizin in der Gastroenterologie. Bei Morbus Crohn hat die erste prospektive Studie (PROFILE) eines vielversprechenden Biomarkers zur Genexpression in zytotoxischen T-Zellen im peripheren Blut zwar ergeben, dass der verwendete Biomarker im klinischen Alltag nutzlos ist; die Studie konnte aber eindrucksvoll belegen, dass nach Erstdiagnose eines Morbus Crohn eine frühe Kombinationstherapie aus Infliximab und einem Thiopurin (Top down) einer herkömmlichen bedarfsweisen Therapieeskalation (Step up) ganz deutlich überlegen ist (Noor et al.). Möglicherweise lassen sich aber über Biomarker aus Stuhluntersuchungen Hinweise auf ein Therapieansprechen ableiten. Anhand der Charakterisierung von Dysbiose, Stuhlfeuchtigkeit und Calprotectin ließ sich in einer prospektiven Kohorte von Patient*innen mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung das Therapieansprechen auf Biologika mit einer Genauigkeit von 73,9% vorhersagen (Caenepeel et al.). Aber auch bei akuter Pankreatitis werden dringend Biomarker für die frühe Vorhersage des Krankheitsverlaufs benötigt. Auch hier scheint die Darmflora eine Rolle zu spielen – so konnte in einer multizentrischen Studie die Zusammensetzung der oro-intestinalen Mikrobiota den Schweregrad einer akuten Pankreatitis besser vorhersagen als herkömmliche Risiko-Scores. Insbesondere kurzkettige Fettsäuren könnten für künftige diagnostische und therapeutische Ansätze von Relevanz sein (Ammer-Herrmenau et al.) [...]
Bei maligner Magenentleerungsstörung steht mit der endosonografisch-gesteuerten Gastroenterostomie (GE) mittels „Lumen-apposing Metallstents“ (LAMS) eine gute Alternative zur Einlage von Duodenalstents zur Verfügung. Im Rahmen einer multizentrischen randomisierten Studie konnte nun gezeigt werden, dass die GE mittels LAMS in Bezug auf Stentdurchgängigkeit, Nahrungsaufnahme und Anzahl von Folgeinterventionen signifikant besser abschneidet und daher in entsprechend spezialisierten Zentren bevorzugt eingesetzt werden sollte (Teoh et al.). Die medikamentösen Therapieoptionen bei Reizdarmsyndrom (RDS) sind weiterhin eingeschränkt, und von vielen Betroffenen werden die Beschwerden mit einer „Histamin-Unverträglichkeit“ in Zusammenhang gebracht. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass in einer randomisierten Studie an Patient*innen mit RDS ohne Verstopfung eine Behandlung mit dem Antihistaminikum Ebastin signifikant wirksamer war als Placebo (Decraecker et al.).
Klimawandel und CO2-Emissionen bestimmen ganz wesentlich unser aller Alltag. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen ökologischen Fingerabdruck die Tätigkeit in der interventionellen Endoskopie hinterlässt. Diese Frage wurde in zwei Arbeiten untersucht (Henniger et al. und Desai et al.). Es überrascht nicht, dass ein rationaler Umgang mit Geräten und Ressourcen sowie mit Verpackungsmüll zu einer signifikanten Verbesserung der Umweltbilanz führen kann und künftig stärker berücksichtigt werden sollte.
Bei der primär biliären Cholangitis (PBC) wird meist ein Abfall der alkalischen Phosphatase (ALP) auf weniger als das 1,5-Fache der Obergrenze des Normalbereichs als adäquates Therapieansprechen gewertet. Eine aktuelle, große internationale Kohortenstudie zeigt jedoch, dass insbesondere Patient*innen mit fortgeschrittener Fibrose und/oder relativ jungem Alter deutlich von einer kompletten Normalisierung der ALP profitieren. Für diese Patient*innen sollte daher gegebenenfalls eine Therapieergänzung in Betracht gezogen werden (Corpechot et al.). Auch bei der Autoimmunhepatitis verdeutlichen aktuelle Ergebnisse die Relevanz eines kompletten Therapieansprechens: Daten aus dem retrospektiven Register der International Autoimmune Hepatitis Group (IAIHG-RR) zeigen, dass ein fehlendes vollständiges biochemisches Therapieansprechen einen wesentlichen ungünstigen Prognosefaktor darstellt (Slooter et al.). Für die nicht-alkoholische Steatohepatitis (NASH) bzw. nach neuer Nomenklatur metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis (MASH) wurde in den USA erstmals ein spezifisches Medikament zugelassen. Resmetirom ist ein oraler, auf die Leber wirkender beta-selektiver Agonist des Schilddrüsenhormonrezeptors. In einer randomisierten, kontrollierten Phase-III-Studie war Resmetirom dem Placebo sowohl hinsichtlich der Auflösung der MASH als auch hinsichtlich der Verbesserung der Leberfibrose überlegen (Harrison et al.).
Wir hoffen sehr, dass diese kleine Auswahl von Arbeiten Ihr Interesse für eine vertiefende Lektüre dieser und der anderen in dieser Ausgabe zusammengefassten Publikationen geweckt hat und wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre sowie frohe und friedliche Sommertage!
Ihre
Christoph Neumann-Haefelin und Peter Hasselblatt
Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg
Christoph Neumann-Haefelin
Peter Hasselblatt
Aktuelles aus der Literatur in dieser Ausgabe
In einer landesweiten schwedischen Bevölkerungskohorte ist die eosinophile Ösophagitis mit einem erhöhten Risiko für spätere chronisch entzündliche Darmerkrankungen verbunden
United European Gastroenterol J. 2024;12(1):34–43
Absolute und relative Risiken für nephrologische und urologische Komplikationen bei Patient*innen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
Am J Gastroenterol. 2024;119(1):138–46
Curcumin-QingDai-Kombination für Patient*innen mit aktiver Colitis ulcerosa: eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie
Clin Gastroenterol Hepatol. 2024;22(2):347–56.e6
Tumor-Nekrose-Faktor-Antikörpertherapie und das Risiko für immunvermittelte Folgeerkrankungen bei Patient*innen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
Clin Gastroenterol Hepatol. 2024;22(1):135–43.e8
Outcome von Biologika und Small Molecules bei Proktitis ulcerosa: eine belgische multizentrische Kohortenstudie
Clin Gastroenterol Hepatol. 2024;22(1):154–63.e3
Tumor-Rezidivrisiko bei Patient*innen mit immunvermittelten Erkrankungen unter immunsuppressiven Therapien: eine aktualisierte systematische Übersicht und Metaanalyse
Clin Gastroenterol Hepatol. 2024;22(3):499–512.e6
Dysbiose und damit verbundene Stuhlmerkmale verbessern die Vorhersage des Ansprechens auf eine Biologikatherapie bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
Gastroenterology. 2024;166(3):483–95
Duale Therapie mit Biologika oder Small Molecules bei refraktären chronisch entzündlichen Darmerkrankungen bei Kindern (DOUBLE-PIBD): eine multizentrische Studie der „Paediatric IBD Porto Group“ der ESPGHAN
Inflamm Bowel Dis. 2024;30(2):159–66
Protonenpumpeninhibitoren und das Risiko einer Darminfektion bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen: eine selbstkontrollierte Fallserie
Inflamm Bowel Dis. 2024;30(1):38–44