Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in der Medizin ist es ungeheuer spannend, wenn durch innovative neue Studien langjährige Dogmata und Behandlungsalgorithmen kritisch hinterfragt und modifiziert werden. Zwei in dieser Ausgabe enthaltene Studien veranschaulichen dies in eindrucksvoller Weise:
So werden die etablierten Vorsorgestrategien bei Barrett-Ösophagus durch die BOSS-Studie infrage gestellt (Old et al.). In dieser Studie wurden 3453 Patient*innen mit Barrett-Ösophagus randomisiert und erhielten entweder Vorsorgeendoskopien alle 2 Jahre oder nur eine bedarfsweise Endoskopie im Falle von Beschwerden. In einem Nachbeobachtungszeitraum von mindestens 10 Jahren zeigten sich keine Unterschiede im Hinblick auf das Gesamtüberleben oder das Tumor-assoziierte Überleben. Auch in einer begleitenden gesundheitsökonomischen Auswertung dieser Studie zeigte sich, dass die bislang praktizierten regelmäßigen endoskopischen Verlaufskontrollen wohl nicht kosteneffizient sind. […]
In den letzten Jahren sind mehrere wichtige Arbeiten zur Wirksamkeit einer Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren zur Behandlung gastrointestinaler Tumoren erschienen. Beim Kolonkarzinom besteht vor allem bei mikrosatelliteninstabilen oder Mismatch-Reparatur-defizienten (dMMR-)Tumoren eine hervorragende Wirksamkeit einer Immuntherapie. In der STELLAR-303-Studie, einer Phase-III-Studie an Patient*innen mit fortgeschrittenen mikrosatellitenstabilen bzw. nicht-Mismatch-Reparatur-defizienten Tumoren (Hecht et al.) wurde nun erstmals gezeigt, dass durch eine Immuntherapie-basierte Behandlung mit Zanzalintinib und Atezolizumab im Vergleich zu Regorafenib ein etwas besseres Gesamtüberleben erreicht werden kann. Anhand dieser Studie stellt sich die Frage, welchen Stellenwert Immuntherapie-basierte Behandlungsansätze künftig bei der Behandlung von Patient*innen mit kolorektalen Karzinomen spielen werden.
Um Ihnen den Überblick über wichtige Arbeiten in dieser Ausgabe zu erleichtern, haben wir neben den kritischen Expertenkommentaren ab dieser Ausgabe 10 für uns wichtige bzw. diskussionswürdige Publikationen als „Editors’ Choice “ markiert und herausgehoben. Weitere Anpassungen und neue Inhalte werden voraussichtlich in den kommenden Ausgaben folgen – bleiben Sie gespannt!
So wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre und verbleiben mit besten Grüßen!
Ihre
Peter Hasselblatt und Tobias Böttler
Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg
Aktuelles aus der Literatur in dieser Ausgabe
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa weisen prädiagnostische Antikörpersignaturen mit gemeinsamen und voneinander abweichenden Veränderungen beim Übergang zur manifesten Erkrankung auf
Gut. 2025;74(12):1977-1988
Ernährungsmuster und das Auftreten chronischer Obstipation in 3 prospektiven Kohorten Erwachsener im mittleren und höheren Alter
Gastroenterology. 2025;169(7):1475-1488
Niedrig dosiertes Aspirin beim lokalisierten kolorektalen Karzinom mit PI3K-Alteration
N Engl J Med. 2025;393(11):1051-1064
Wirksamkeit von Akupunktur beim Reizdarmsyndrom („Efficacy of ACupuncTure in Irritable bOwel syNdrome“, ACTION): eine multizentrische, randomisierte, kontrollierte Studie
Gastroenterology. 2025;169(5):958-969.e5
Zanzalintinib plus Atezolizumab versus Regorafenib beim refraktären kolorektalen Karzinom (STELLAR-303): eine randomisierte, unverblindete Phase-III-Studie
Lancet. 2025;406(10517):2360-2370
Darmkrebsvorsorge auf Basis der Risikovorhersage: eine randomisierte, kontrollierte Studie
Am J Gastroenterol. 2025;120(10):2432-2439
Ergebnisse der endoskopischen intermuskulären Dissektion beim tiefen submukosainvasiven Rektumkarzinom: eine Follow-up-Studie über 3 Jahre
Gut. 2025;74(12):1995-2003
Endoskopische Resektion großer Kolonpolypen mit Kaltschlinge: eine randomisierte Studie
Gut. 2025;74(11):1804-1813
Risiko für Kompetenzverlust von Endoskopiker*innen nach Exposition gegenüber künstlicher Intelligenz bei der Koloskopie: eine multizentrische Beobachtungsstudie
Lancet Gastroenterol Hepatol. 2025;10(10):896-903